Horst Janssen
(1929–1995)
Biogramm
Als uneheliches Kind geboren, verbringt J. seine ersten Lebensjahre in Oldenburg. 1942-44 Besuch der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt in Haselünne im Emsland, wo er durch seine zeichnerische Begabung auffällt. Nach dem Tod der Mutter 1943 wird er von seiner Tante Anna Johanna J. adoptiert und zieht nach Hamburg. 1946 beginnt er dort das Stud. der freien und angew. Graphik an der Landes-KSch am Lerchenfeld. In Hamburg wird er - von wenigen Reisen abgesehen - sein ganzes Leben verbringen. Bis 1952 Stud. als Meisterschüler des Gebrauchsgraphikers Alfred Mahlau, aufgrund von Unstimmigkeiten mit dem Direktor der Landes-KSch, Gustav Hassenpflug, verlässt J. diese ohne akad. Grad. Während dieser Zeit veröffentlicht J. 1948 sein erstes Buch: Seid ihr alle da?, mit Ill. zu Versen von Rolf Italiaander. 1950 entstehen erste Hschn.-Arbeiten, die deutlich von Künstlern des Expressionismus und Edvard Munch inspiriert sind. Neben der Darst. von Mann und Frau stehen Tiermotive im Fokus. 1952 Lichtwark-Stip. der Stadt Hamburg. Ab 1954 beschäftigt J. sich mit der Lith., die er in der Buntpapierfabrik des Fabrikanten Paul Dessauer in Aschaffenburg erlernt. Hier malt er auch Portr. der Familie Dessauer in Öl. Es werden seine einzigen Lw.-Arbeiten bleiben. In der Technik der Lith. entstehen ebenfalls Portr., aber auch skurrile Figuren in Schwarz-Weiß. Ab 1957 widmet sich J. wieder dem Hochdruck und schafft großflächige Farb-Hschn., die überwiegend Tiermotive und Hamburger Straßen und Orte zeigen. Der Galerist Hans Brockstedt zeigt die Hschn. des jungen Künstlers zunächst in Hannover, später betreut er J. von Hamburg aus. Von Paul Wunderlich, der als Dozent an der Landes-KSch in Hamburg unterrichtet, lernt J. die Radiertechnik. J. wird sie später als seine "eigentliche" Technik bezeichnen. Bis zum E. seines Lebens wird er nahezu 50 Radierzyklen fertigen. 1964: Kunstpreis der Stadt Darmstadt. Einen ersten Höhepunkt in J.s Karriere markiert die große Werkschau seiner Zchngn und Graphiken in der Kestner-Gesellschaft in Hannover 1965. Die Ausst. wird in mehreren KV und Ausst.-Häusern in Deutschland und der Schweiz gezeigt. 1966: Edwin-Scharff-Preis der Stadt Hamburg. Der erste Preis für Graphik auf der Bienn. di Venezia 1968 macht J. internat. bekannt. Im Zentrum seiner Ausst. und Ehrungen stehen J.s so genannte "Feinstrichzeichnungen", die aus unzähligen Bleistiftlinien bestehen, die das ganze Blatt gespinstartig überziehen. Sie zeigen vor allem erotische Motive, Portr. und Selbst-Portr., aber auch fiktive Figuren, die der Gesellschaft entlarvend einen Spiegel vorhalten wollen. Durchgängig widmet sich J. dem Selbstporträt. In allen Techniken, die ihm zu Gebote stehen, schafft er Selbstbildnisse, als Selbstbefragungen oder als inszenierte Kunstwerke. Ab 1970 wendet er sich vermehrt Lsch.-Motiven zu. Zeitgleich beschäftigt sich J. mit Werken der Alten und Neuen Meister sowie von jap. Hschn.-Künstlern. In Zchng und Rad. kopiert und paraphrasiert er deren Motive. 1975: Schillerpreis der Stadt Mannheim. 1976 beginnt die intensive Zus.-Arbeit mit dem Künstler und Drucker Hartmut Frielinghaus, der neben anderen eine Vielzahl der Rad. von J. druckt. J. arbeitet mit unterschiedlich farbigen Papieren im Tiefdruck. In der Auseinandersetzung mit Künstlern wie Rembrandt und Goya, die als Autoritäten in der Kunst der Rad. gelten, setzt auch J. in der Technik des Tiefdrucks Meilensteine. Ende der 1970er Jahre beschäftigt er sich verstärkt mit dem Aquarell. V.a. erotische Motive entstehen. Daneben gilt sein Interesse auch den kleinen Dingen des täglichen Lebens, die in Farbstift-Zchngn als Stillleben festgehalten werden, hier sind besonders die - oft welkenden - Blumen zu erwähnen, die J. als Vanitasmotive verewigt. 1978: Biermann-Ratjen-Med. der Stadt Hamburg. 1990 stürzt J. mit seinem maroden Balkon ab und verliert durch eine Verätzung kurzzeitig sein Augenlicht. Nach der Genesung entstehen starkfarbige Aqu., die wiederum Lsch.-Themen zum Gegenstand haben. Auch hier war eine Frau ausschlaggebend für seine Inspiration. J. war drei Mal verheiratet, hatte etliche Liebesbeziehungen und vier Kinder. Seine Frauen sind allesamt als Musen anzusprechen, die ihn in vielfacher Hinsicht zu Werken und ganzen Werkfolgen angeregt haben. Neben dem freien Kunstschaffen betätigt sich J. auch im angew. Bereich. Er entwirft fast 200 Ausst.-Plakate, Langspielplattencover und Buchtitel. J. tritt auch als Schriftsteller in Erscheinung, seine meist autobiographischen Texte und zahlreichen, ill. Briefe sind humorvoll bis sarkastisch und enthalten häufig originelle Wortschöpfungen. J. hat zuweilen bei den Eröffnungen seiner Ausstellungen gesprochen und dazu literarisch eigenständige Ms. geliefert. Viele seiner Zchngn und Graphiken versieht er ebenfalls mit Wortbeiträgen. 1992: Ehrenbürger der Stadt Oldenburg ernannt. 1995 stirbt J. an den Folgen eines Schlaganfalls und wird auf eigenen Wunsch auf dem Gertrudenkirchhof in Oldenburg beigesetzt. – J. hinterlässt als manischer Arbeiter ein riesiges Œuvre, geschätzte 20000 Motive in Zchng und Druckgraphik. Ein WV, das alle Werke dok., steht noch aus. Als Hw. sind neben vielen herausragenden Zchngn die Rad.-Zyklen zu nennen, hier v.a.: Hanno's Tod, 1972, Nigromontanus, 1980, Eidderland, 1985 und Laokoon, 1986.
Werke
Umfangreiche Slgn: Hamburg, Gal. Brockstedt. - KH (Slgn von Hartmut Frielinghaus und Gerhard Schack). - MKG (schwerpunktmäßig Plakatentwürfe). Oldenburg, Horst-Janssen-Mus. (die Slg Carl Vogel innerhalb der Claus Hüppe-Stiftung). Schleswig, Schleswig-Holsteinisches LM, Schloss Gottorf (Rad.).
Selbstzeugnisse
Querbeet. Aufsätze, Reden, Traktate, Pamphlete, Kurzgeschichten, Gedichte und Anzüglichkeiten, Hamburg 1981, Hinkepott, Gifkendorf 1988, Johannes (Hinkepott II), Gifkendorf, 1989, Drollerei, Hamburg 1991, Bobethanien, Hamburg 1991, Fünf Tage und Nächte. Hamburg 1988.
Ausstellungen
E: Auswahl: 1965 Hannover, Kestner-Ges. u.a. Orte / 1976 Mannheim, KH / 1982 Wien, Albertina / 1991 Dresden, Albertinum / Hamburg: 1995 MKG (K), 1999 KH / 1999 Nürnberg, GNM / 2009-10 Oldenburg, Horst-Janssen-Mus. (Retr., K) / 2006 Köln, Käthe Kollwitz Mus.
Bibliographie
Vo6, 1962. Kindler, ML III, 1966, Bauer, GEM IV, 1977, ContempArtists, 1983, LdK III, 1991, Flemig, 1993, P.Bellini, Diz. della stampa d'arte, [Mi.] 1995, DA XVII, 1996, Bénézit VII, 2006. E.Gäßler, H.J. Radierzyklen, Oldenburg 1995, Plakat-Kunst-Stücke, Ha. 1995 (Kat. Hamburg, MKG), S.Blessin, Horst Janssen, Leben und Werk, Ha. 22000, J.Fest, H.J. Selbstbildnis von fremder Hand, Berlin 2001, Katze blau. 100 Holzschnitte von H.J., Oldenburg 2001 (Kat. Oldenburg, Horst-Jansen-Mus.), J. sieht Goya. Wer das Gegenteil will, kopiert das Original, Oldenburg 2002 (Kat. ebd.), E.Knöfel, Horst Janssen, mehr nicht. Sein Werk als Selbstbekenntnis, Ha. 2002, Licht und Linie. H.J. und die Fotografie, 2003 (Kat. Oldenburg, Horst-Jansen-Mus.), Gegen die Zeit gezeichnet. Blumen und andere Stillleben von H.J., Oldenburg 2005 (Kat. ebd.), Nach "Ihm". Horst Janssen und Rembrandt, Oldenburg 2008 (Kat. ebd.). Online: GNM-Archiv.
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- 1995 in Hamburg, Deutschland
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