Johann Christoph Erhard
(1795–1822)
Erhard, Johann Christoph, dt. Zeichner, Radierer, Lithograph. * 25.2.1795, Nürnberg, †20.1.1822 (Suizid) Rom. Frühe Förderung durch den Vater Jacob Reinhard E., Scheibenzieher u. Silberdrahtfabrikant, und den älteren Stiefbruder Johann Benjamin E., Arzt, Rechtsphilosoph u. Revolutionstheoretiker. E.s erstes Zeichenbuch, um 1860 im Besitz von Carl Jahn in Gotha, ist verschollen. Ausb.: 1805-09 Städt. Zeichenschule Nürnberg, bei Christoph Johann Sigmund Zwinger, der akad. Vorlagen nachzeichnen läßt. Ab 1809 Schüler von Ambrosius Gabler, der E. zum Zeichnen vor der Natur anleitet. Mit den Mitschülern Johann Adam Klein, Georg Christoph Wilder und Conrad Wießner verbindet E. eine enge Freundschaft, ebenso mit Johann Christoph Jakob Wilder, älterer Bruder von G.C.Wilder, dem bedeutendsten Nürnberger Landschafter um 1800. Auf gemeinsamen Wanderungen durch die Altnürnberger Lsch. und die Fränk. Schweiz entwickelt sich E. zum realist., stark von dem wenig älteren J.A. Klein beeinflußten Lsch.-Zeichner. Mehr als Klein orientiert er sich aber zunehmend an Drucken von Abraham Bloemaert, Daniel Nikolaus Chodowiecki, Conrad Geßner, Ferdinand Kobell, Martin von Molitor und Johann Christian Reinhart. Durch Kleins Umzug nach Wien im Sept. 1811 setzt eine freiere Entwicklung E.s ein, seine ersten dat. Rad. entstehen 1811. Ein Großauftrag des Nürnberger Verlegers Johann Friedrich Frauenholz, 51 Rad. für die Neu eröffnete Reitschule, gez. von Aegidius Touchemoulin, gibt E. nur kurz materielle Sicherheit, zeitlebens bleibt er auf Zuwendungen aus der väterl. Man. angewiesen. Als Klein im Febr. 1815 nach Nürnberg zurückkehrt, gerät E. erneut unter seinen Einfluß. Durchmärsche u.a. russ. Truppen durch Nürnberg inspirieren beide wetteifernd zu Figurenstudien, darunter drei Spottbilder auf Napoleon (Apell, 1866, 190-92). Künstler. ertragreich ist die Reise E.s mit Klein und G.C. Wilder nach Bamberg und Pommersfelden. Im Juni 1816 brechen E. und Klein nach Wien auf, von Wießner und G.C. Wilder bis Straubing begleitet. In Wien, wo sie in der Josephstadt wohnen, Freundschaft mit Heinrich und Friedrich Reinhold, Ernst Welker und später Johann Nepomuk Passini. Kontakte zum Kreis um die Brüder Olivier, Joseph Anton Koch und Julius Schnorr von Carolsfeld bleiben beschränkt, da sich die nazaren. Gesinnten am Realismus der Nürnberger stoßen. Auf Ferdinand Oliviers Widmungs-Bl. der "Sieben Gegenden aus Salzburg und Berchtesgaden" fehlen die Namen von E. und Klein am Stammbaum der dt. Künstler. Als Frucht einer 1817 mit Welker und den Brüdern Reinhold unternommenen Reise durch das Höllental und um den Schneeberg erscheinen 1818 bei Ferdinand Kettner in Wien VI. Ansichten aus den Umgebungen des Schneeberges, ein erster Höhepunkt in E.s druckgraph. Werk. Angeregt durch F.Olivier unternehmen E., Klein, die Reinholds und Welker im Sommer 1818 Wanderungen durch das Salzkammergut und das Berchtesgadener Land. Ein späteres Zeugnis der Reise ist Kleins radiertes Freundschaftsbild "Meinen Reisegefährten gewidmet" (Apell, 1866, Bildnisse 5). Einige während der Wanderungen aquarellierte Bll., etwa Der Untersberg bei Salzburg (Berlin, Kpst.-Kab., Inv.Nr SZ 36), rücken E. in die erste Reihe der dt. Lsch.-Zeichner. Bleistift-Zchngn wie Blick vom Mönchsberg auf Salzburg (Hamburg, KH, Inv.Nr 23177) verraten den Einfluß F.Oliviers. Versuche, Lsch. auf der Grundlage von Naturstudien im Atelier durch Hinzufügung von Staffage eine christl.-relig. Sinngebung zu unterlegen, bleiben Episode (Friedhof in Hallstatt, Hamburg, KH, Inv.Nr 23252). Seit Kleins Weggang nach Rom im Aug. 1819 wohnt G.C. Wilder bei E. in Wien. 1817-19 bringt er radierte Ansichten aus Nürnberg, Regensburg, Salzburg und Wien heraus, meist im Selbstverlag. Als Brotarbeit einzustufen ist seine Mitarb. an den Folgen Ansichten mahler. Gegenden in Ob. Oestreich, Salzburg & Tyrol von C.Viehbeck (W. 1821) und Ausgewählte Ansichten von dem K.K. Park zu Laxenburg. In Wien eignet E. sich auch die Technik des Steindrucks an: 1817 entsteht für J.G. Zeller in München ein Tonplattendruck (Apell, 1866, 97). Eine "Unterleibskrankheit", Anzeichen von "Verstimmung und Schwermuth" und eines "tiefen Seelenleidens" (Apell, 1866) werfen Schatten auf die Wiener Schaffensjahre. Auch deshalb beschließt E. einen Ortswechsel und bricht am 19.10.1819 mit H.Reinhold nach Rom auf. Ihre Reise führt über Triest, Ancona und den Apennin. In Rom finden sie Quartier bei Johann Joachim Faber in der Via delle Quattro Fontane. E. pflegt engen Kontakt mit J.A.Koch und Julius Schnorr, später viell. auch mit Franz Horny. Bes. nahe stehen ihm andere Protestanten, neben Schnorr auch Friedrich Olivier und Theodor Rehbenitz. Wegen schwerer Depressionen bedarf er ständiger Betreuung, die v.a. das Ehepaar Faber und H.Reinhold übernehmen, auch Klein, wenn er in Rom weilt. Der Anschluß an eine "fromme protestant. Secte" (sog. Kapitoliner), "relig. Scrupel", eine Teufelserscheinung und "Spuren von Geisteszerrüttung" (Apell, 1866) verunsichern und peinigen E. Kurz vor Weihnachten 1820 trinkt er Ätzwasser, um sich das Leben zu nehmen. Durch die Behandlung von Johann Nepomuk Ringseis, Leibarzt des bayer. Kronprinzen Ludwig, wird E. so weit wieder hergestellt, daß er im Juli 1821 nach Olevano verlegt werden kann. Ab Nov. lebt er wieder in Rom, wo mit der radierten Ansicht von Olevano (Apell, 1866, 95) seine letzte Druckgraphik entsteht. Am 18.1.1822 schießt er sich mit einer Pistole in den Rachen und stirbt zwei Tage später im Hospital von S.M. della Consolazione unter dem Beistand des ev. Pastors Schmieder. Auf Betreiben von kath. Freunden erhält er eine Nottaufe und die Sterbesakramente. – E.s künstler. Nachlaß ging an seinen älteren Bruder Johann Benjamin E. in Nürnberg. Von diesem übernahmen Johann Andreas Boerner, Ernst Georg Harzen und Klein den größten Teil der Zchngn. Von 12 Druckplatten druckte der Bruder 1822 eine Aufl., die er dem bayer. Kronprinzen Ludwig widmete. Später gingen die meisten Rad.-Platten an Kettner nach Wien, der 1857 40 Motive nachdruckte und geschlossen anbot. Von ca. 600 erh. Zchngn E.s besaß Harzen ein gutes Drittel, das geschlossen an die Hamburger KH überging. Die Angabe Apells, E. habe gelegentl. in Öl gemalt, läßt sich nicht mit Werken belegen. Zwei E. zugeschr. unsign., undat. und kleinformatige Gem. im Besitz der Stadt Nürnberg müssen ausgeschieden werden: Das erste (Gm. 101), ein Genrebild, setzt eine Rad. von 1816 (Apell, 1866, 104) um, Der Schliersee (Gm. 103) hat stilist. und motiv. mit E. nichts zu tun. Verloren ist das Apell zufolge direkt von der Fam. Egghard-Fritz in Wien erworbene Gem. Das Innere eines Dorf-Eisen oder Sensenhammers. Graph. Bildnisse von E. schufen Hugo Bürkner, Matthäus Christoph Hartmann, Klein, Rehbenitz, Passini, Schnorr, J.C. Vogel, G.C. Wilder und Carl Friedrich Zimmermann (Verz. bei Apell, 1866, Geller, 1952, Mende, Der Zeichner, 1996). Die Zeitgen. beschäftigte anfangs das trag. Künstlerschicksal mehr als das Werk. Das Zukunftweisende einzelner realist. Lsch.-Radierungen erkannten posthum jüngere Künstler wie Ludwig Richter. Der Zeichner E. geriet erst im letzten Drittel des 20. Jh. in das Blickfeld der Forschung. Man erkannte, daß einige Aqu. der Wiener Zeit und der röm. Jahre von so hoher Qualität sind, daß E. unter die besten dt. Zeichner seiner Generation zu rechnen ist. Ähnl. wie H.Reinhold verblüfft er durch souveränen Umgang mit der Farbe. Lsch.-Ausschnitte aus der Campagna mit unvollendet belassenen Partien, manchmal in streifenförmiger Anordnung, verführten dazu, in ihm fälschl. einen Vorläufer der Moderne zu sehen. Erst neuerdings wird deutl., daß der Realist E. zugleich einen Beitrag zur nazaren. Lsch.-Kunst beisteuerte. Er rückt damit in die Nähe von Carl Philipp Fohr, Horny und seines Nürnberger Landsmanns Johann Jakob Kirchner.
WERKE BERLIN, Kpst.-Kab. BRAUNSCHWEIG, HAUM. BREMEN, KH. CHEMNITZ, Kunst-Slgn Chemnitz. DARMSTADT, Hess. LM. DRESDEN, Kpst.-Kab. DÜSSELDORF, mus. kunst palast. ERLANGEN, Univ., GrS. ESSEN, Mus. Folkwang. FRANKFURT am Main, Städel. HAMBURG, KH. HANNOVER, Niedersächs. LM. LEIPZIG, MBK. LÜBECK, Mus. für Kunst und Kultur-Gesch. MANNHEIM, StKH. MÜNCHEN, Staatl. GrS. – Slg Winterstein. NÜRNBERG, GNM. – Museen der Stadt. OBBACH, Slg G.Schäfer. OXFORD, Ashmolean Mus. REGENSBURG, StG Leerer Beutel. WEIMAR, KS. WIEN, Albertina. – ABK, Kpst.-Kab. – HM. WÜRZBURG, Martin-von-Wagner-Mus. der Univ.
AUSSTELLUNGEN 1996 Nürnberg, GNM (K) / 2001 Regensburg, HM (K).
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Matthias Mende
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